Marktmechanik
Negative Strompreise: Wann und warum Strom zeitweise nichts kostet
Aktualisiert am 12. Juli 2026
Es klingt paradox: An immer mehr Stunden im Jahr rutscht der Strompreis an der Börse unter null. Der Strom kostet dann nicht nur nichts – wer ihn abnimmt, bekommt rechnerisch sogar Geld dafür. Was auf den ersten Blick wie ein Fehler wirkt, ist Ausdruck eines realen Ungleichgewichts im Stromsystem. Dieser Artikel erklärt, wie negative Preise entstehen, wie häufig sie inzwischen sind und was Haushalte mit dynamischem Tarif davon haben.
Wie negative Preise entstehen
Der Börsenstrompreis ist das Ergebnis von Angebot und Nachfrage. Negative Preise treten auf, wenn zu viel Strom im Netz ist und die Nachfrage zu gering, um ihn aufzunehmen. Genau diese Konstellation entsteht typischerweise, wenn Wind- und Solaranlagen bei viel Sonne oder Wind große Mengen einspeisen, während gleichzeitig wenig verbraucht wird – etwa an sonnigen Wochenenden oder Feiertagen zur Mittagszeit.
Der Grund, warum das Angebot nicht einfach schrumpft: Ein Teil der Erzeugung ist unflexibel. Konventionelle Kraftwerke lassen sich technisch oder wirtschaftlich nicht beliebig schnell herunterfahren, und geförderte Erneuerbaren-Anlagen hatten lange einen Anreiz, weiter einzuspeisen. Wenn all das zusammenkommt, sinkt der Preis so weit, bis es sich für Erzeuger lohnt, die Produktion zu drosseln – notfalls eben in den negativen Bereich. Ein negativer Preis ist damit ein Marktsignal: “Bitte jetzt Strom verbrauchen oder Erzeugung zurückfahren.”
Häufigkeit: ein klar steigender Trend
Negative Stunden sind kein Randphänomen mehr, sondern nehmen jahr für Jahr zu. Die Zahl der Stunden mit negativen Day-Ahead-Preisen entwickelte sich wie folgt12:
| Jahr | Stunden mit negativen Preisen |
|---|---|
| 2021 | 139 |
| 2022 | 69 |
| 2023 | 301 |
| 2024 | 459 |
| 2025 | ca. 575 |
2025 wurde damit ein neuer Rekord erreicht – rund 116 Stunden mehr als im bis dahin schon rekordverdächtigen Jahr 20242. Der Trend hängt eng mit dem massiven Ausbau der Photovoltaik zusammen: Bei hoher installierter Solarleistung übersteigt die Mittagserzeugung an sonnigen Tagen regelmäßig das, was der Markt aufnehmen kann. Entsprechend verschoben sich die negativen Stunden von früher eher winterlichen Nächten hin zu den Sommermonaten und den Mittagsstunden1.
Wie extrem es werden kann, zeigt der tiefste Wert des Jahres 2025: Am 11. Mai 2025 fiel der Day-Ahead-Preis auf rund −250 €/MWh, also etwa −25 ct/kWh im Großhandel2.
Was Verbraucher mit dynamischem Tarif davon haben
Für Haushalte mit dynamischem Tarif sind negative Börsenstunden die attraktivsten Fenster überhaupt – aber mit einer wichtigen Einschränkung. Auf der Rechnung wirkt sich nur die Beschaffungskomponente aus, die dann sehr niedrig oder negativ wird. Netzentgelte, Stromsteuer, Konzessionsabgabe, Umlagen und Mehrwertsteuer laufen unabhängig davon weiter. Der Strom wird für Endkunden also in aller Regel nicht vollständig kostenlos, aber die Kilowattstunde kann in solchen Stunden dennoch außergewöhnlich günstig sein.
Der praktische Nutzen entsteht durch Verschiebung: Wer in genau diese Fenster den Speicher lädt, das E-Auto ankoppelt, die Wärmepumpe Wärme “vorproduzieren” lässt oder große Verbraucher startet, holt den Vorteil ab. Ohne verschiebbare Lasten und ohne Automatisierung bleibt der Effekt dagegen klein – die negativen Stunden liegen oft mittags an Werktagen, wenn viele Haushalte gar nicht flexibel sind.
EEG-Förderung bei Negativpreisen: die Stundenregel
Negative Preise haben auch Folgen für die Förderung von Ökostromanlagen. Nach § 51 EEG entfällt die Marktprämie für den eingespeisten Strom, wenn der Börsenpreis über eine bestimmte Zahl aufeinanderfolgender Stunden negativ ist – der “anzulegende Wert” sinkt für diese Zeit auf null3. Diese Schwelle wurde über die Jahre schrittweise verschärft:
- 2023: 4 aufeinanderfolgende Stunden
- 2024–2025: 3 Stunden
- 2026: 2 Stunden
- ab 2027: Zielwert 1 Stunde3
Das im Februar 2025 in Kraft getretene Solarspitzengesetz geht für neue Anlagen noch weiter: Bei ihnen entfällt die Förderung bereits ab der ersten negativen Viertelstunde (nach Einbau eines intelligenten Messsystems)3. Ziel dieser Regeln ist es, den Anreiz zu senken, ausgerechnet dann einzuspeisen, wenn das System ohnehin überversorgt ist – und damit negative Preise künftig seltener und weniger tief werden zu lassen. Über 92 Prozent der 459 negativen Stunden des Jahres 2024 traten übrigens in Blöcken von drei oder mehr aufeinanderfolgenden Stunden auf und lösten die Regelung damit aus1.
Fazit
Negative Strompreise sind ein wachsendes, strukturelles Merkmal eines Systems mit hohem Anteil an Wind und Sonne. Für Verbraucher mit dynamischem Tarif und flexiblen Lasten sind sie eine echte Chance, sinnvoll günstig Strom zu beziehen. Für das Gesamtsystem sind sie zugleich ein Signal, dass Erzeugung und Verbrauch zeitlich noch besser zusammenfinden müssen – woran Regeln wie die EEG-Stundenregel und der Ausbau von Speichern und flexibler Nachfrage ansetzen.
Quellen
Footnotes
-
FfE (Forschungsstelle für Energiewirtschaft) – German electricity prices on EPEX Spot 2024 (459 Stunden, historische Reihe, Sommer-/Mittagsverschiebung, 92 %-Angabe): https://www.ffe.de/en/publications/german-electricity-prices-on-epex-spot-2024/ ↩ ↩2 ↩3
-
FfE (Forschungsstelle für Energiewirtschaft) – German electricity prices on the EPEX Spot exchange in 2025 (Ganzjahreswert 2025: knapp 575 negative Stunden, rund 116 mehr als der Vorjahresrekord von 459; Tiefstwert rund −250 €/MWh am 11.05.2025): https://www.ffe.de/en/publications/german-electricity-prices-on-the-epex-spot-exchange-in-2025/ ↩ ↩2 ↩3
-
next Kraftwerke – 6-Stunden-Regel / 4-Stunden-Regel (§ 51 EEG, Schwellenwerte 2023–2027, Solarspitzengesetz): https://www.next-kraftwerke.de/wissen/6-stunden-regel-4-stunden-regel ↩ ↩2 ↩3